Trotz Enttäuschung: Hitzfeld bleibt Schweiz-Coach
Bloemfontein (dpa) - Ottmar Hitzfeld sprach von einer «persönlichen Niederlage». Torwart Diego Benaglio braucht nach eigenen Angaben noch lange, um das zu verdauen.
Auch mit dem Abstand von zwei Tagen herrscht bei der Schweizer Nationalmannschaft eine «riesige Enttäuschung» (Benaglio) über ihr vorzeitiges Aus bei der Fußball-WM. Konsequenzen wird dieser durch das 0:0 gegen Honduras ausgelöste K.o. jedoch nicht haben. Er bleibe Trainer, «wenn die Schweiz mich will», sagte Hitzfeld. Und die ließ daran in Person ihres Delegationsleiters Peter Stadelmann keinerlei Zweifel: «Der Trainerstaff im Allgemeinen und Ottmar Hitzfeld im Speziellen haben hervorragend gearbeitet», sagte der Funktionär des Verbandes SFV.
Frust und Lob so dicht beieinander - diese Reaktion passt zum wechselhaften Auftritt der Schweizer in Südafrika. Binnen zehn Tagen besiegten sie den Europameister Spanien und schafften es dann nicht einmal, ein Tor gegen den Fußball-Zwerg Honduras zu schießen. «Man sieht dabei: Die Schweiz kann an guten Tagen jeden schlagen. Aber wir müssen auch jedes Mal aufs Neue 100 Prozent geben», sagte Alexander Frei. Der Kapitän wehrte sich jedoch dagegen, das Vorrunden-Aus als «Versagen» zu bewerten. «Das kann ich nicht gelten lassen», sagte er.
So gibt es gleich einen bunten Mix aus Gründen dafür, dass die «Nati» schon am 28. Juni um 10.30 Uhr wieder in den Flieger Richtung Zürich steigen muss. Hitzfeld erklärte das vor allem mit der mangelnden Druckresistenz seines Teams. Zwei Tore gegen Honduras hätten zum Weiterkommen gereicht, aber genau das sei «eine zu große Hypothek für die Mannschaft» gewesen. «Je länger das Spiel dauerte, desto nervöser wurden wir», sagte er. «Mit einem ersten Tor wäre der Knoten geplatzt, aber so legten wir die Nervosität nie ab.»
Noch mehr haderten Spieler, Fans und Medien allerdings mit ihrer völlig harm- und ideenlosen Offensive. «Wenn man in einem Turnier nur ein Tor schießt, ist es schwierig, weiterzukommen», sagte Verteidiger Stephane Grichting von AJ Auxerre. Das Mittelfeld der Schweizer lieferte bei dieser WM kaum kreative Ideen. Der Sturm mit einem überspielten Nkufo, einem unbeständigen Derdiyok und einem Frei fast ohne jede Spielpraxis genügte in dieser Verfassung keinen höheren Ansprüchen. Gegen Spanien und Chile hatte die Mannschaft noch das tun können, was sie am besten beherrscht: Verteidigen. Gegen Honduras war sie mit dem Stürmen-Müssen um jeden Preis überfordert.
Progresja progresja gra
«Eine gute Verteidigung allein reicht nicht, das ist klar», bilanzierte Hitzfeld dann auch. «Wir haben defensiv sehr gut gespielt bei dieser WM, aber wir brauchen mehr Offensivkraft.» Dass er davon am Horizont des Schweizer Fußballs einiges erkennen kann, ist auch einer der Hauptgründe für sein Weitermachen. «Marco Streller kehrt nach der WM zurück, Alex Frei bekommt wieder mehr Spielpraxis und auch Nassim Ben Khalifa rückt nach», erklärte er.
Der 18 Jahre alte Neu-Wolfsburger ist ein Beispiel für die gute Jugendarbeit in der Schweiz. Zusammen mit anderen Hoffnungsträgern wie Sead Hajrovic (FC Arsenal) oder Haris Seferovic (AC Florenz) gewann er 2009 die «U17»-Weltmeisterschaft. «Die Basis ist gelegt», sagte Hitzfeld. Und am Ende räumte er trotz aller Enttäuschung sogar ein: «Die WM hat mir mehr Spaß als Stress gebracht.»
Blanc geht an Bord - FIFA droht
Johannesburg/Paris (dpa) - Nach dem WM-Schiffbruch am Kap hat Laurent Blanc als Nationaltrainer das Kommando bei der «Equipe tricolore» übernommen, doch eine weitere Hiobsbotschaft aus Südafrika trübte die Freude der Fans über die Vertragsunterschrift des neuen Hoffnungsträgers.
Mit einer deutlichen Warnung reagierte der Weltverband FIFA auf die Einmischung von Staatspräsident Nicolas Sarkozy und Sportministerin Roselyne Bachelot in die Angelegenheiten des Französischen Fußball-Verbandes (FFF), dem nun ernsthafte Konsequenzen drohen.
«Wir werden ganz genau hinschauen, was in Frankreich passiert. Ich habe die Sportministerin informiert, wie die Institutionen des Fußballs arbeiten. Ich habe ihr gesagt, dass sie sehr vorsichtig sein müssen», sagte FIFA-Generalsekretär Je^rome Valcke in Johannesburg. Die Zeitung «Le Parisien» fragte besorgt: «Müssen wir nun nach dem sportlichen Fiasko eine zusätzliche Demütigung befürchten?»
Die FIFA verbietet jede staatliche Einflussnahme auf die Politik der nationalen Fußball-Verbände und hat in jüngerer Vergangenheit einige Mitgliedsländer wie Iran oder Irak vorübergehend suspendiert. Die Aufarbeitung des sportlich wie disziplinarisch desaströsen WM- Auftritts der Franzosen hatte in den vergangenen Tagen Züge einer Staatsaffäre angenommen. Sarkozy empfing Starstürmer Thierry Henry zu einem klärenden Gespräch. Roselyne Bachelot forderte FFF-Chef Jean- Pierre Escalettes zum Rücktritt auf.
«Sie dürfen sich treffen, sie können diskutieren, aber es darf keine politische Einflussnahme geben», erklärte der Franzose Valcke seinen Landsleuten die FIFA-Regeln. «Niemand kann jemanden zum Rücktritt auffordern», sagte der Funktionär. Bachelot machte umgehend einen Rückzieher. Sie stehe zwar weiter zu ihren Worten, habe aber niemals implizit den Rücktritt von Verbandsboss gefordert, ließ die Ministerin verlauten.
Zakłady live Zakłady live
Blanc, der einen Zweijahresvertrag als Nachfolger des gescheiterten Nationaltrainers Raymond Domenech unterschrieb, dürfte dies alles kaltlassen. Er hat ganz andere Probleme, muss er den tief gefallenen Vize-Weltmeister von 2006 doch sportlich schnell wieder flott kriegen. Sollte ihm dies gelingen, wird der Kontrakt um weitere zwei Jahre bis zur WM 2014 verlängert. Der Weltmeister von 1998 und Europameister von 2000, der in Frankreich großes Ansehen genießt, wird von seinem früheren Mitarbeiter Jean-Louis Gasset und dem ehemaligen Direktor von Olympique Lyon, Marino Faccioli, unterstützt.
Nach dem kläglichen Ausscheiden der «Bleus» als Gruppenletzter erhoffen sich die Fans einen Neuanfang unter Blanc. Erste sportliche Herausforderung wird die Qualifikation für die Europameisterschaft 2012. Am 3. September steht das erste Qualifikationsspiel gegen Weißrussland an. Sein Debüt auf der Bank wird der frühere Erfolgstrainer von Girondins Bordeaux am 11. August im Länderspiel gegen Norwegen geben. Nach einer Umfrage für den «Parisien» setzen immerhin 94 Prozent der Franzosen Vertrauen in den neuen Coach.
Die Mannschaft ist dagegen - mit Ausnahme von Florent Malouda, der 74 Prozent Zustimmung findet, - bei den Fans unten durch. Selbst Bayern-Star Franck Ribéry wollen nur noch 54 Prozent weiter in der Nationalelf sehen. Für Nicolas Anelka, der wegen seiner Trainerbeleidigung vorzeitig die Heimreise antreten musste, votierten nur noch 26 Prozent. Die Vorfälle im WM-Camp in Knysna sollen in den kommenden Wochen aufgearbeitet werden. «Das (Sport-) Ministerium wird eine Untersuchung einleiten und alle Spieler anhören«, erklärte Mannschaftskapitän Patrice Evra, «jeder wird erzählen, was er erlebt hat, und die Wahrheit sagen.»
|