Suárez trifft: Und der Marktwert schießt nach oben

Port Elizabeth (dpa) - 30 Millionen? 40 Millionen? Oder gar 50 Millionen? Mit jedem Tor wird Luis Suárez noch begehrter, mit jedem Geniestreich noch teurer. Spätestens durch seine beiden Treffer gegen Südkorea ist Uruguays Jung-Stürmer zum Spekulationsobjekt internationaler Topvereine geworden.

Die Südamerikaner stehen erstmals seit 1970 wieder in einem WM- Viertelfinale, der Matchwinner war völlig losgelöst. Nach dem entscheidenden Traumtor zehn Minuten vor Abpfiff küsste Suárez das uruguayische Wappen, übersprang die Bande und wurde bei seinem Solo-Jubellauf in die Kurve erst von den Auswechselspielern gestoppt.

Auch bei seiner Gemütsbeschreibung war der erst 23 Jahre alte Torjäger kaum aufzuhalten: «Das träumt man als Kind und stellt sich vor: Ich bin bei einer WM und schieße ein Tor. Ich lebe meinen Traum.» Und der Angreifer von Ajax Amsterdam erzählte weiter: «Das ist das wichtigste Tor meiner Karriere. Da kommt einem die Familie in den Kopf, meine Frau und meine Tochter. Und auch die Leute zu Hause in Uruguay. Die halten zu uns in guten und in schlechten Zeiten.»

Die drei Millionen Einwohner Uruguays feiern daheim die Wiedergeburt des zweimaligen Weltmeisters - und den weltweit begehrten Stürmer mit dem schönen Spitznamen «El Pistolero». Mit fast jedem Topclub wird er in Verbindung gebracht. Vor allem englische Vereine jagen den Torschützenkönig der niederländischen Liga, der in der vergangenen Saison in der Eredivisie in 33 Spielen immerhin 35 Tore machte. Sicherheitshalber hatte Ajax-Coach Martin Jol bereits gesagt: «Ein sehr hohes Preisschild hängt um seinen Hals.» Der Vertrag des Angreifers läuft noch bis 2013.

An fünf der sechs WM-Treffern Uruguays war Suárez beteiligt, mit drei Treffern und zwei Torvorlagen ist er nun der Topscorer in Südafrika und darf sich Hoffnungen auf die Torjäger-Krone machen. Aber das interessiert Suárez angeblich überhaupt nicht. «Es ist in unserem Team egal, wer die Tore schießt», versicherte er: «Weil ich Stürmer bin, versuche ich natürlich den Ball ins Netz zu bekommen. Aber daran denke ich nicht, ich denke daran, mit der Mannschaft möglichst weit zu kommen.»

Auch gegen den vermeintlich leichten Viertelfinal-Gegner Ghana soll noch lange nicht Schluss sein. Uruguay setzt auf seine Beton- Abwehr und den Weltklasse-Sturm mit Suárez und Diego Forlán, der gegen Südkorea den ersten Treffer vorbereitete. «Wir träumen, seit die WM begonnen hat», sagte Suárez, dessen Team in 360 Minuten erst einen Gegentreffer kassiert hat.

Frühestens nach dem letzten Spiel in Südafrika wird sich die Zukunft des außergewöhnlichen Talents entschieden. 2006 für geschätzte 800 000 Euro nach Groningen gekommen, wurde er nur ein Jahr später für das ungefähr Siebenfache an Ajax verkauft. Spätestens seit dieser WM ist Suárez für Schnäppchenjäger kein lukratives Geschäft mehr.

WM 2010 - Identitätskrise: Italien kämpft um Comeback

Quo vadis Italia? Nach dem größten WM-Debakel seiner Fußballgeschichte sucht Weltmeister Italien nach Fehlern im System und einen Ausweg aus der Krise. Italiens WM-Versager haben sich in den Urlaub verabschiedet, die "Tifosi" müssen ihren Sommerferien einen neuen Sinn geben.

Fußballverbandspräsident Giancarlo Abete zerbricht sich den Kopf: "Wie kommt Italien nach dem größten WM-Debakel seiner Geschichte wieder aus dem Tal der Tränen heraus?"

Der neue Nationaltrainer Cesare Prandelli muss einen Generationswechsel einläuten. Was Marcello Lippi nicht gelungen ist, wird aber auch ihm schwer fallen. "Es ist eine Ära zu Ende gegangen und in unserer neuen Generation sind keine wirklichen Ausnahmefußballer", sagt der mit 36 Jahren zurückgetretene Kapitän Fabio Cannavaro zurecht. In Südafrika konnte sich nur der Deutsch- Italiener Riccardo Montolivo empfehlen. Der Mittelfeldspieler des AC Florenz ist aber auch schon 25 Jahre alt.

"Wir haben Defizite im Nachwuchs", räumt Abete ein. Zwischen 1992 und 2004 wurde Italiens U 21 fünf Mal Europameister, jetzt bangt sie sogar um die Qualifikation. "Der WM-Misserfolg ist auch der Misserfolg unserer Clubs", behauptete Cannavaro. Statt auf junge italienische Spieler zu setzen, holen sie Ausländer. In der zu Ende gegangenen Saison kamen 42,9 % der Fußballer in der Serie A aus dem Ausland - so viel wie nie zuvor. Inter Mailand gewann die Champions League gegen Bayern München ohne einen einzigen Italiener in der Startelf.

Dilemma der italienischen Talenten

Italiens Talente bekommen bei den Top-Clubs keine Chance. Wer aber keine "Alles oder Nichts-Spiele" im Europacup durchzustehen lernt, bricht psychisch bei einer WM ein. "Meine Spieler hatten Angst", gab Lippi offen zu. Obwohl der Trainer alle Schuld daran auf sich nahm, sind auch die Fans und die italienischen Medien schuldig: Die Tifosi sehen ihr Team lieber mit einem Eigentor nach 90 Minuten Mauerfußball gewinnen, als nach tollen Offensivspiel 2:3 verlieren. Italiens Fußball braucht deshalb auch einen Mentalitätswechsel - wer Angst vor Niederlage hat, kann nicht gewinnen.

Auch auf die Fankultur müsse man einwirken, mahnte Cannavaro. Manche Club-Chefs geben offen zu, dass sie von radikalen Fangruppen aus den eigenen Reihen erpresst werden. Gewalt ist in Italiens Stadien alltäglich. Die Regierung hat die Gesetze verschärft und verbietet Fans bei kritischen Partien die Reise zu Auswärtsspielen. Viel geändert hat sich nicht.

Italiens marode Strukturen

Fußball ist in Italien kein Familienfest, auch weil die Stadien veraltet und unattraktiv sind. In Rom und Mailand können sich die Clubs seit Jahren nicht mit den Politikern und Bürokraten auf gemeinsame Stadienprojekte einigen. Nur Juventus Turin baut derzeit eine eigene Fußballarena mit integriertem Vergnügungszentrum. Ohne moderne Stadien wird den Top-Clubs langfristig das Geld ausgehen, weil sie weder für Zuschauer noch für Sponsoren attraktiv sind.

Mit den EM-Bewerbungen hoffte Abete auf einen Befreiungsschlag. Aber für 2012 und 2016 wurde Italien bei der UEFA abgewatscht. Und nun gerät nach dem WM-Debakel auch noch der Verband in Geldnot: Auf 20 Millionen Euro wird der Einnahmeverlust durch den Vorrunden-K.o. bei der WM geschätzt.

Sportlich droht Italien in der FIFA-Rangliste der Absturz von derzeit Platz 5 auf einen Rang zwischen 12 und 15. Damit wird Italien bei den nächsten Turnieren nicht mehr gesetzt und könnte schon in den Gruppen auf Top-Teams treffen. Kein Wunder, dass Cannavaro warnt: "Ändert sich bei uns nicht einiges, werden wir unsere nächste WM erst in 25 Jahren gewinnen!"

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