WM 2010 - Elber: "Deutschland überrascht mich"
In Giovane Elbers Brust schlagen nach wie vor zwei Herzen: Eines ist brasilianisch, das andere deutsch. Deswegen drückt der ehemalige Profi vom VfB Stuttgart und FC Bayern der DFB-Elf die Daumen gegen England. Sorgen macht ihm vor dem Klassiker nur die Personalie Schweinsteiger.
Aus Bloemfontein berichtet Stefan Zürn.
Herr Elber, die erste WM auf afrikanischem Boden: Wie fällt Ihr bisheriges Fazit aus?
Giovane Elber: Man muss sagen: Südafrika hat aus seinen Möglichkeiten das Beste herausgeholt. Natürlich kann man eine WM hier nicht mit einer Weltmeisterschaft wie zum Beispiel 2006 in Deutschland vergleichen. Aber mir hat es bisher sehr gut gefallen.
Es gab zu Beginn ja sehr viel Unmut über die Qualität der Spiele...
Elber: Ja, und das zu Recht. Gerade die Partien des ersten Spieltages ließen doch zu wünschen übrig. Aber ich denke, dass es mit der Zeit besser wurde und inzwischen sehen wir spannende und auch hochklassige Duelle.
Ist es nicht vielleicht auch normal, dass die Teams gerade zum Auftakt sehr vorsichtig agieren, nach dem Motto: Hauptsache, kein Gegentor kassieren?
Elber: Absolut. Es gab sehr wenige Torszenen, weil es zunächst darum ging, Sicherheit zu gewinnen, die ersten Punkte einzufahren – und sei es nur einer.
Welchen Eindruck macht die DFB-Elf bisher auf Sie?
Elber: Ich bin sehr überrascht – positiv überrascht. Von Deutschland erwartet man normalerweise immer viel Kampf und viel Laufeinsatz. Doch diese junge Mannschaft zeigt, dass sie mehr drauf hat als nur zu kämpfen. Sie ist extrem talentiert, was das spielerische Element angeht. Interessant finde ich, dass diese Mannschaft selbst dann, wenn sie zurückliegt, immer noch versucht, über attraktiven Fußball zum Erfolg zu kommen – wie gegen Serbien.
Dafür sind vor allem Spieler wie Mesut Özil, Thomas Müller und Marko Marin verantwortlich. Was ist von diesen jungen Spielern noch zu erwarten?
Elber: Eine Menge. Wenn ich mir nur Müller anschaue: Das ist Wahnsinn, was dieser Junge mit seinen 20 Jahren schon alles drauf hat. Er ist Stammspieler beim FC Bayern, stand schon im Champions-League-Finale, hat seine erste Meisterschaft geholt – da kann ich nur sagen: Hut ab. Özil ist ein hervorragender Fußballer, aber mit noch zu großen Schwächen im Abschluss. Ich denke auch, dass wir von einem Spieler wie Toni Kroos noch eine Menge hören werden. Ich bin fest überzeugt: 2014 in Brasilien werden wir eine bärenstarke deutsche Mannschaft sehen.
Welche brasilianische Nationalmannschaft sehen wir denn 2010?
Elber: Das erste Spiel war nicht gut, der Druck war wohl zu groß. Das zweite Spiel war auch noch nicht das Gelbe vom Ei, zumindest in der ersten Hälfte. Aber jetzt kommt die Mannschaft langsam in Fahrt. Gegen Portugal war nicht mehr nötig. Wir haben in Carlos Dunga einen Trainerfuchs, der genau Bescheid weiß. Das war schon so, als er noch Spieler war (lacht). Ich denke, er macht vieles richtig. Nur eine Sache nicht: Er legt sich zu häufig mit der Presse an. Und das ist nie gut (lacht). Du brauchst für eine erfolgreiche WM immer die komplette Unterstützung aller.
Für die deutsche Mannschaft geht es jetzt gegen England. Hand aufs Herz, wer macht das Rennen? Deutschland oder England?
Elber: Schwierige Frage. Ich hoffe weiterhin auf ein Finale Brasilien gegen Deutschland. Deswegen heißt es heute für alle: Daumen drücken für Deutschland!
Die ganze Nation bangt vor dem England-Spiel um den Einsatz von Bastian Schweinsteiger. Ohne ihn gegen die Superstars aus der Premier League: Kann das überhaupt etwas werden?
Elber: Sein Ausfall wäre ein schwerer Verlust. Schweinsteiger hat in der vergangenen Saison beim FC Bayern seine Position gefunden. Nicht, dass er außen schlecht gespielt hätte, aber zentral, etwas defensiver ist Schweinsteiger absolut top. Er hat für sein junges Alter schon extrem viel Erfahrung, kann gut mit Druck umgehen.
Kein Wunder also, dass Top-Klubs wie der FC Chelsea oder Real Madrid anklopfen...
Elber: Klar, das ist absolut verständlich.
Welchen Rat würden Sie ihm geben? Den Sprung ins Ausland wagen oder beim FC Bayern bleiben?
Elber: Wenn solche Vereine an einem interessiert sind, muss man sich das immer anhören. Aber ich glaube nicht, dass Schweinsteiger überhaupt weggehen will aus München. Er hat ja immer betont, dass München sein Zuhause ist. Für ihn persönlich wäre es also wohl besser, beim FC Bayern zu bleiben, aber sportlich gesehen wäre es eine große Herausforderung. Mein Gefühl sagt mir aber irgendwie: Es ist besser, wenn er beim FC Bayern bleibt...
..und dort noch den einen oder anderen Titel holt. Apropos Titel: Wer holt dann am Ende jetzt die Weltmeisterschaft?
Elber (lacht): Brasilien mit der bisherigen Leistung noch nicht. Ich sehe momentan Argentinien und auch die Niederlande vor der Selecao. Spanien darf man natürlich auch nicht außer Acht lassen. Aber wie gesagt: Ich wünsche mir ein Finale Deutschland gegen Brasilien.
«El loco» Bielsa: Fußball-besessen und beseelt
Johannesburg (dpa) - Besessen, beseelt, bestechend: Marcelo Bielsa gehört zu den beeindruckendsten Trainer-Persönlichkeiten bei dieser Fußball-WM. Bei den überraschend stark auftrumpfenden Chilenen stehen nicht die Spieler im Rampenlicht - der Coach ist der Star, wenn auch ein stiller und scheuer.
Bielsa meidet das Mediengetöse und brütet lieber pausenlos über Taktik und System. Kaum ein Coach vereint so viele Widersprüche in sich. Bielsa gilt einerseits als Trainer der alten Schule: äußerst autoritär, ein Kontrollfreak, kein Mitspracherecht der Spieler. Bei der WM verbot er seinen Spielern im hermetisch abgeriegelten Mannschaftsquartier Ingwenyama Conference Center in Nelspruit Außenkontakt über Twitter oder Facebook. Internetbenutzung ließ er nur eingeschränkt zu.
Auf der anderen Seite ist der Sohn einer Rechtsanwaltsfamilie aus Rosario ein großer Kunst- und Literaturliebhaber und engagiert sich sozial. Nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami in Chile besuchte Bielsa stark betroffene Regionen und rief im TV zu Spenden auf. Bruder Rafael kämpfte einst gegen die argentinische Militärdiktatur.
Seinen Spitznamen «el loco» (der Verrückte) verdankt Bielsa seiner Akribie und Arbeitswut. Er ist ein Fußball-Verrückter, besessen und beseelt von der Idee, das Spiel ständig zu perfektionieren. Im Grunde genommen ist der 54-Jährige die perfekte Mischung seiner beiden berühmten Landsleute, den Trainer-Legenden und Weltmeister-Machern César Luis Menotti und Carlos Bilardo.
Von Menotti, der 1978 den ersten Titel mit der «Albiceleste» holte und wie er aus Rosario stammt, hat Bielsa die Leidenschaft zum attraktiven Offensivstil übernommen. Bei Bilardo, 1986 Weltmeister, überzeugte ihn vor allem dessen Pragmatismus. Bielsa versteht es, beide sich eigentlich ausschließende Philosophien zu vereinen.
Eine Verletzung zwang den allenfalls durchschnittlich begabten Verteidiger, schon im Alter von 25 seine aktive Karriere zu beenden. Nach nur vier Einsätzen in vier Profijahren bei den Newell's Old Boys arbeitete er dort sofort als Nachwuchstrainer und stieg mit 35 zum Chefcoach auf. Bereits in seiner ersten Saison holte er mit dem Provinzverein den Titel. Aus Dank wurde das Stadion nach ihm benannt.
Ohne einen der renommierten Landesclubs wie Boca Juniors oder River Plate gecoacht zu haben, wurde Bielsa 1998 überraschend zum argentinischen Nationaltrainer berufen. Noch heute leidet der ausgezeichnete Theoretiker und Psychologe am desaströsen Vorrunden- Aus bei der WM 2002. Auch der Olympiasieg 2004 half Bielsa nicht über dieses Trauma hinweg: zwei Wochen später gab er sein Amt auf: «Ich habe keine Energie, keinen Antrieb mehr.»
Erst nach drei Jahren Pause übernahm der «Welt-Nationaltrainer 2001», Chiles Nationalteam - angesichts der historischen großen Rivalität der Anden-Nachbarn eine Revolution. Nach anfänglicher Kritik gewann Bielsa dank überzeugender Arbeit und guter Ergebnisse nach und nach große Anerkennung. Chiles sozialistische Ex-Präsidentin Michelle Bachelet, mit der Bielsa ein enges persönliches Verhältnis pflegt, bezeichnete den Argentinier einmal als «Vorbild für Chile».
Gekrönt wurde Bielsas bisherige Arbeit in Chile mit der souveränen WM-Qualifikation und dem Einzug ins Achtelfinale. Brasilien soll am Montag im Ellis Park von Johannesburg (20.30 Uhr) aber nicht die Endstation sein, obwohl es gegen den Rekord-Weltmeister zuletzt vier Schlappen in Serie setzte und «la roja» große Personalprobleme hat. «Es wäre toll, wenn wir das Unmögliche schaffen könnten», sagte Bielsa. «Wir wissen, dass es schwierig wird.»
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